We, the drowned

Über Rivva bin ich im letzten Jahr häufiger auf Artikel bei Tichy Einblick gestossen. Für alle, die die Seite nicht kennen: Das ist nach eigener Aussage ein liberal-konservatives Meinungsmagazin, dessen Name sich von seinem Gründer Roland Tichy ableitet. Ich habe mich über die allermeisten Artikel, die ich über Rivva gefunden habe sehr geärgert, so sehr geärgert, dass ich mehrfach kurz davor war darüber zu bloggen. Irgendwann in den letzten habe ich mich aber kategorisch dagegen entschlossen. Es ist die Mühe nicht wert, den Provokationen der dortigen Autoren nachzugeben. Ich wollte meine Energie lieber in etwas konstruktiveres stecken. Jetzt muss ich doch drüber schreiben, denn ich habe mich die halbe Nacht über die aktuellen Ereignisse rund um Roland Tichy geärgert und ich finde, das ist auch ein wichtiges Ereigniss im Netz 2017, was dort passiert ist. Aber … was ist passiert?

Was passierte …

Roland Tichy ist eigentlich Wirtschaftsjournalist und irgendwann Ende 2015 von Xing zum Chefredakteur der hauseigenen Newsredaktion gemacht worden. Letzte Woche dann erschien dann bei Tichys Einblick Artikel mit dem Titel „Warum Sie mit psychopathologisch gestörten Gutmenschen nicht diskutieren sollten“

„Grün-linke Gutmenschen (eigentlich nur Gutmeiner, weil gute Menschen etwas anderes meint) sind – und ich sage das einfach so dahin – krank. Nicht körperlich, sondern geistig-psychisch. Darum ist es weder sinnvoll noch empfehlenswert, sich auf grössere Diskussionen mit ihnen einzulassen.“

… schrieb der Autor Jürgen Fritz.

Mit einem Hinweis darauf, und dass er Roland Tichy nicht über Xing querfinanzieren wolle, kündigte Mathias Richel dann vor wenigen Tagen seinen Account bei Xing. Darauf folgten ihm viele (soweit man das über Twitter beurteilen kann). Und daraufhin wurde der Artikel am Sonntag zurückgenommen und gestern dann trat Roland Tichy als Herausgeber von Xing News zurück, weil er Morddrohungen erhalten hat. Das wiederum führte in einigen Blogs wieder zu Aufschreien. Aber auch schon der Boykott von Xing wurde als Mittel kritisiert.

Xings Rolle und Tichys Selbstbild

Jetzt meine Einschätzung zu der ganzen Sache: Ich finde es ausgesprochen legitim Xing zu verlassen für einen Artikel, der bei „Tichys Einblick erschien und will gerne auch erklären warum …

Xing hat die Rolle eines neutralen Vermitler. Die hat es sich selber gegeben. Xing versteht sich als berufliches Social Network, das Leute zusammenbringt. Ihr Vision lautet „For a better working life“ und nicht „For a better liberal-konservatives working life“. Wenn Xing nun jemanden wir Roland Tichy als Chefredakteur einstellt, dann ist das eben auch eine politische Positionierung, so gut Roland Tichy auch als Wirtschaftsjournalist sein mag. Denn … auf der Webseite, die er unter Tichys Einblick betreibt werden politische Meinungen vertreten. Meinungen die provozieren sollen. Meinungen, von denen ich denke, dass mindestens einzelne davon weder liberal noch konservativ sind, sondern so national und autoritär, dass sie noch vor die Gründungsideal der Bundesrepublik zurückfallen und wohl besser eim Kaiserreich aufgehoben werden. Meinungen, deren zentrale Botschaft der Kampf gegen Grün-Links ist. Und über all diesen Meinungen steht in 40 Pixel Grösse Roland Tichys Name, ganz praktisch im Layout auf der Webseite. Roland Tichy verfolgt unter seinem Namen eine publizistisch-politische Agenda.

Das ist fair enough. Ich habe mich über vieles dort geärgert und ich finde es traurig, dass das inzwischen als liberal-konservativ durchgeht. Aber ich habe nicht einmal gedacht, dass das unter Volksverhetzung läuft. Und ich habe mich ja auch entschieden das einfach zu ignorieren und mich eben nicht provizieren zu lassen. Aber: Es ist nicht möglich, das bei Roland Tichys Arbeit als Chefredakteur der Xing News auszublenden. Und es kann auch nicht gewollt sein. Weder von Xing noch von Roland Tichy.

Ich kann nicht Wolf Biermann oder Hannes Wader zum künstlerischen Leiter meiner Musikschule machen und erwarten, dass die Leute das nur als künstlerische Entscheidung sehen, und nicht auch als politische Positionierung. Und ich kann nicht erwarten, dass die Leute, die mit Wolf Biermanns oder Hannes Waders politischem Engagement ein Problem haben, nicht kündigen und sich woanders das Guitarrenspiel beibringen lassen. Das ist eine selbstverständliche und legitime Reaktion.

Xing hat an der Stelle seine Position als neutraler Vermitler schlicht aufgegeben. Auch das ist fair enough. Weite Teile der bundesdeutschen Wirtschaft und insbesondere die Führungspositionen dürften sich selber sofort als liberal-konservativ bezeichnen. Da ist es nur legitim, die im Rahmen der eigenen Produkte abzuholen und bevorzugt zu behandeln. Jedes Unternehmen darf sich seine Zielgruppe selber aussuchen. Aber … man darf sich eben auch nicht beschweren, wenn sich Leute dann eben nicht mehr in dieser Zielgruppe wiederfinden. Und damit wir uns hier nicht falsch verstehen: Die Dinge, die bei Tichys Einblick veröffentlicht werden sind oft genug ein Schlag ins Gesicht von Grün-Linken (und das sind ja immerhin noch ca. 40% der Deutschen) und auch genau so gewollt. Es mag Menschen geben, die das als Herausforderung und Übung betrachten, aber die meisten lassen sich eben doch nicht gerne ins Gesicht schlagen und dann zu kündigen ist meiner Meinung nach völlig legitim.

Meinungspluralismus und Marktwirtschaft

Der Blogger „Stefanolix“ vertritt in dem Artikel „Dissidenten“ die Meinung, dass es wichtig ist, Meinungsmachern wie Roland Tichy nicht mit Boykotten mundtot zu machen …

„Der Boykottaufruf ist ein legitimer Teil der Meinungsäußerung. Ich halte es aber für infam, gegen einzelne Publizisten oder Medien Boykottaufrufe zu starten, die deren Existenz und Reputation gefährden. Je schmaler das Spektrum der geäußerten Meinung wird, desto mehr ist die Demokratie in Gefahr.“

Das finde ich einen wertvollen und diskussionswürdigen Punkt. Ja … ein Plattform wie Tichys Einblick mag einen Beitrag zur Stabilität der Demokratie liefern. Ich bin mir da nicht sicher. Die Metronauten sehen das z.B. anders und vertreten im ARtikel „Warum es legitim ist, Unternehmen zu einer politischen Positionierung zu zwingen“ die Meinung dass eine Site wie Tichys Einblick eine wichtige Vermittlerposition zwischen bürgerliche-konservativen Positionen und rechtsradikalen darstellt. Auch das scheint mir nicht unplausibel, wenn wir mir die Texte bei Tichys Einblick so ansehe. Das ist aber nicht der Punkt. Ich bin mir nicht sicher, welchen Wert Tichys Einblick hat oder nicht hat. Sicher bin ich mir, dass Mathias Richel als richtig gemacht hat, als er selber die Entscheidung fällte Xing zu verlassen und andere ebenfalls aufforderte das zu tun. Es gibt keine Pflicht – weder in der Demokratie noch in der realexistierenden Marktwirtschaft – diejenigen, die sich selber zum politischen Gegner stilisiert haben, wirtschaftlich auch noch zu unterstützen. Wenn Xing oder Tichys Einblick in der Folge von Matthias Richels Entscheidung wirtschaftliche Probleme bekommen, dann ist das deren Problem, denn wohlgemerkt lagen die Entscheidungen zur politischen Positionierung und Radikalisierung sowohl bei Roland Tichy selber als auch bei Xing. Matthias Richel und alle, die es ihm nachgetan haben, haben an der Stelle nur die folgerichtige Konsequenz daraus gezogen. Und wenn dann nicht mehr genug wirtschaftlich Kraft übrig bleibt, um die jeweiligen Unternehmungen zu tragen, dann ist das in der Marktwirtschaft nun einmal so, das muss man da ertragen. Wenn man das anders haben will, muss man sich wohl für eine Planwirtschaft entscheiden …

Wohlgemerkt: Tichys Meinungsmagzin aushalten ist nicht das Problem, auch wenn es anstrengend ist. Es geht bei der Entscheidung Unternehmen und Unternehmungen nicht mehr wirtschaftlich zu unterstützen ja nicht um deren Vernichtung. Es geht nur darum, Dinge die man für falsch hält eben nicht selber auch noch zu unterstützen. Das sind zwei grundverschiedene Sachen. Wie gesagt: Wenn Roland Tichy und Xing genug Menschen finden, die ihnen trotz oder gerade wegen ihrer politschen Arbeit genug Geld geben, um damit brauchbar wirtschaften zu können, bin ich fein damit, dass es die gibt.

Gewalt und Barbarei

Und damit wir uns auch beim letzten Kapitel nicht falsch verstehen: Morddrohungen gehen gar nicht. Ich würde sogar noch weiter gehen: Selbst die Androhung von Gewalt geht gar nicht. Eigentlich nichteinmal beim Staat, der das Gewaltmonopol besitzt. Denn wir haben es ihm ja auch genau dem Grunde übertragen, dass wir eben frei sein wollen von Gewalt. Vor der Androhung von Gewalt einzuknicken halte ich praktisch jederzeit für legitim. Wer das nicht tut verdient sich meine Bewunderung. Der Moment, in dem in einer Debatte Gewalt angedroht wird, ist der Momment in dem der gesamte Diskurs und seine Teilnehmer in die Barbarei zurückfallen. Also das ist keine Übertreibung. Eine der zentralen Eigenschaften – vielleicht sogar die zentrale Eigenschaft – der Barbarei ist nun einmal der willkürliche Einsatz von Gewalt. Und schon bei der Androhung von Gewalt kann ich mir als bedrohter nicht sicher sein, ob der Drohnung Taten folgen oder nicht.

Dass 2017 damit beginnt, dass prominente national-polemische Journalisten wegen Morddrohungen ihre Arbeit sein lassen … das ist ein ganz schlechtes Zeichen. Für uns alle.


Nachtrag: Puh … so … jetzt bin ich hoffentlich einfürallemal durch mit Tichys Einblick. Mich hat die Elende Diskussion drei Stunden Nachtschlaf gekostet, so sehr musste ich mich aufregen. Vor allem, weil ich das ja eigentlich gar nicht wollte. Je öfter ich Doris Lessing lese, desto wertloser erscheint mir die Zeit, die ich in solchen Diskursen verbringe und sei es auch nur eine halbe Stunde vorm Einschlafen. Es sind von beiden Seiten praktisch ausschliesslich destruktiv geführte Auseinandersetzungen, die nur immer noch weiter in die Teilung und Dunkelheit führen, wie man bei Rivva und Twitter sehr gut beobachten kann. Ich bewundere und beneide Doris Lessing sehr für ihre Fähigkeit dem Irrsinn des zweiten Weltkrieges, des Vietnamkrieges, der restriktiven Gesellschft der 40er und 50er Jahre etwas so Kreatives und Vorausschauendes und Gutes entgegensetzt zu haben. Ihr Weg ist der Beste und ich will künftig noch mehr Versuchen, ihrem Beispiel zu folgen … wir werden nichts verändern, wenn wir nur auf unsere politischen Gegner einschlagen. Nichts und wieder nicht. Erst wenn wir es schaffen, plausibel und mitreissend aufzuzeigen, ästhetisch erfahrbar zu machen, dass es eine besseres Morgen geben kann, erst dann machen wir wirkliche Fortschritte …


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Kommentare

11 Antworten zu „We, the drowned“

  1. Avatar von LeSpocky

    Danke für den Nachtrag. Genau das ist wichtig. Wir müssen bei aller Kritik am hier und jetzt, lebenswerte Alternativen für die Zukunft denken und anbieten. Ohne diese Vision einer besseren Welt, bringt das sonst alles nichts.

  2. Avatar von libralop

    Zuvorderst: Gute Besserung.

    Ich halte die Stefanolix-Argumentation für zu schwach: Wer sich mit seiner Meinung in den öffentlichen Raum begibt, muss auch die negativen Konsequenzen der Gegenrede ertragen können und nicht nur die positiven der Zustimmung. Ein handfester Teil der Gegenrede ist dann eben auch der Boykott, was ja nichts anderes als die Abkehr vom Meinenden bedeutet.

    Nun diese Abkehr in der Domäne „Geschäftsleben“ als eine moralisch untragbare zu kategorisieren, halte ich für falsch, weil hier Dinge vermischt werden, die nicht zusammengehören. Im Umkehrschluss ist es nämlich auch kein Ausweis moralischer Größe, Portale wie XING et. al. zu benutzen.

    Über allem steht aber unverrückbar: Morddrohungen sind inakzeptabel. Aber auch der Einschub „so es sie wirklich gegeben hat“.

  3. Avatar von Hanjo

    Ja.

    (Danke, dass Du Dir noch Zeit nimmst für solche ausführlichen und differenzierten Auseinandersetzungen. Ich möchte das inzwischen alles am liebsten nicht mal ignorieren – und allermeistens gelingt es mir auch.)

  4. Avatar von Gero
    Gero

    Ich bin da etwas anderer Meinung,
    1. sollte man generell private, das heißt nicht-gesellschaftliche Sanktionen hinterfragen.

    a) Denn währenddessen gesellschaftliche Sanktionen immer an genau definierte (manchmal leider fraglich) und demokratisch beschlossene Regeln (Gesetze) gebunden sind, gilt dies für private Sanktionen oft nicht.
    Sie entspringen Sichtweisen einzelner Personen und Gruppen und sind „willkürlich“.

    b) selbst wenn die Sanktionen auf gesellschaftlichen Regeln basieren, so gibt es im privaten Bereich keine objektiven Gerichte und keine objektiven Verfahrensweisen.

    Also: Bei Gesetzesverstößen sollte das Gewaltmonopol des Staates gelten, das heißt Sanktionen gegen Verbrecher sind alleinige Aufgabe der Gemeinschaft und erst dann, wenn die Gemeinschaft versagt (vll. sogar absichtlich) dürfen Individuen und Gruppen eingreifen und ihrerseits Sanktionen aussprechen.

    Falls es sich nicht um Verbrechen/Gesetzesverstöße handelt, sollten die Sanktionen so gering wie möglich ausfallen.
    Es müssen die Freiheit und die Rechte der zu sanktionierenden Person bedacht werden.

    Einzige Ausnahme sind vll. grobe moralische Verstöße, die aus welchen Gründen auch immer „legal“ waren oder sind.

    2. sollte man Rollen-übergreifende Sanktionen bei Sanktionen die auf privaten Sichtweisen beruhen, sehr stark hinterfragen.

    Denn man muss meiner Ansicht nach zwischen verschiedenen Rollen einer Person trennen, in diesem Fall:
    Rolle eins: Tichy als Publizist auf seiner eigenen Webseite und
    Rolle zwei: Tichy als „Redakteur“ bei Xing.

    Wenn Tichy in Rolle eins Dinge tut die einem nicht gefallen, kann man ihn dafür vll. (im Rahmen der Gesetze, allgemeiner Moral und situationsangemessen) in Rolle eins sanktionieren.

    Situationsangemessen bedeutet z.b., auf eine rechtlich einwandfreie Meinungsäußerung sollte man nur mit einer Gegen-Meinungsäußerung und allerhöchstens einem Boykottaufruf gegenüber der Meinungsäußerung reagieren, nicht jedoch mit darüber hinaus wachsenden Mitteln.

    Selbiges für Rolle zwei, aber
    sofern sich Tichy in Rolle zwei nichts zu schulden kommen lässt (ich habe leider weder die Zeit noch die Muße mich mit dem genauen Sachverhalt zu beschäftigen, also gehe ich einfach mal davon aus, dass er sich in Rolle zwei nicht hat zu Schulden kommen lassen),
    sollte er für das was er in Rolle eins tut nicht in Rolle zwei bestraft werden.

    Aber warum?
    Die Gründe wurden in anderer Form bereits genannt, Meinungsfreiheit und Recht auf Existenz.

    Wenn jeder befürchten muss in der Ausübung seines Berufes eingeschränkt zu werden, nur wegen legitimer Meinungsäußerungen außerhalb des Berufs, ist dies eine unberechtigte Einschränkung der Meinungsfreiheit.
    Denn Meinungsfreiheit bedeutet Sanktionsfreiheit.
    Alles andere macht keinen Sinn, denn dann wäre Meinungsfreiheit für die Katz; denkt bitte darüber nach, bevor ihr das in Frage stellt.

    Noch eine Ergänzung:
    Xing nimmt imo keine politische Haltung ein, nur weil es jemanden einstellt, der politische Äußerungen tätigt.

    Denk mal drüber nach, nur weil du dich vll. politisch äußerst, soll ein Unternehmen dich deshalb nicht einstellen, weil es befürchten müsste, dass (in diesem Fall z.b. Konservative) Leute sich von dem Unternehmen abwenden wegen dir?
    Obwohl du in deinem Beruf nichts falsch gemacht hast?

    Das ist wirklich deine Sichtweise? Solch ein Verhalten soll legitim sein?

    Ich finde das völlig illegitim.

    Die Rechtfertigung für solches Verhalten führt zu einer versäulten Gesellschaft.

    Und rechtfertigt nebenbei abstrusen Mist, wie das die katholische Kirche Ehebrechern in ihren Krankenhäusern kündigen darf, was absolut gängiger gesellschaftlicher Normen wiederspricht.

  5. Avatar von Gero
    Gero

    „Denk mal drüber nach, nur weil du dich vll. politisch äußerst, soll ein Unternehmen dich deshalb nicht einstellen, weil es befürchten müsste, dass (in diesem Fall z.b. Konservative) Leute sich von dem Unternehmen abwenden wegen dir?“

    Dies läuft auf Selbstzensur hinaus, falls das nicht offensichtlich sein sollte.

  6. Avatar von libralop

    Um kurz auf Gero einzugehen:

    – Argument 1a: a) Gesellschaftliche Sanktionen mögen definierte Regeln gebunden sein, können aber trotzdem Sichtweisen einzelner Personen und Gruppen willkürlich entspringen. Das eine Teil beschreibt den Modus der Umsetzung, der andere die Entstehung. Das ist nicht vergleichbar.

    – Argument 1b: Dass es keine objektiven Gerichte bei subjektiven Entscheidungen im individuellen Rahmen geben kann, liegt auf der Hand. Damit müssen wir alle leben.

    Wenn Individuen sanktionieren, tun sie das in ihrem kleinen, individuellem Rahmen. Das ist zumindest quantitativ nicht mit dem konkreten Gewaltmonopol des abstrakten Staates vergleichbar.

    – Argument 2: Da bin ich ganz bei Dir und lege noch einen drauf. Grundsätzlich sollte man alles Handeln hinterfragen. Vor allem sollten auch Tichy & XING dies tun. (Und natürlich ich ebenso)

    Des Weiteren erkennst Du grundsätzlich das Mittel des Boykotts an, verwehrst Dich aber gegen dessen hier angewandte Breite. Das kann man tun. Andere schätzen das aber anders ein und handeln entsprechend.

    Wird Tichy damit „bestraft“? Ich sehe das nicht so, ganz im Gegenteil: Ich halte schon die Wortwahl für eine Selbstdarstellung als unschuldiges Opfer. Das hat vor allem dann ein Geschmäckle, wenn der heute sich Beklagende in der Vergangenheit keine Gelegenheit ausgelassen hat, um offensiv zu sein. Dass ihm jemand das „Recht auf Existenz“(?) nimmt, kann ich nicht sehen.

    Und zum Punkt „Meinungsfreiheit“: Die sagt nur aus, dass Dich der Staat nicht für Deine Meinung sanktionieren darf. Deine Kunden hingegen schon. Hiermit betreten wir das Spielfeld des Freien Marktes und der arbeitet nur sekundär nach dem Grundgesetz und primär nach seinen eigenen Regeln.

  7. Avatar von Gero
    Gero

    @libralop:

    Zur Kritik an Punkt 1.a)
    Kann man so sehen, der wichtigere Punkt ist aber Legitimation und die ist bei Gesetzen gegeben und bei privaten Sichtweisen erstmal nicht.

    1.b) „Damit müssen wir alle leben.“
    Genau damit bin ich eben nicht ganz einverstanden.
    Es muss im Rahmen bleiben.

    „Das ist zumindest quantitativ nicht mit dem konkreten Gewaltmonopol des abstrakten Staates vergleichbar.“
    Doch, denn was ist der Staat anderes als der ausführende Arm der Gesellschaft und die Gesellschaft wiederum ist eine Gruppe von Individuen.

    Das boy­kot­tie­ren durch eine Person mag erstmal egal sein, aber das boy­kot­tie­ren durch eine große Gruppe dagegen nicht.
    Wer trägt dann aber die Verantwortung dafür? Die Gruppe gemeinsam? Das ist bei einer unstrukturierten Gruppe nicht möglich.
    Also trägt jeder die Verantwortung für sich.

    „Ich halte schon die Wortwahl… “
    Ich übersehe diese Unterstellung mal, gebe jedoch zu, dass am sicher ein besseres Wort wählen kann.

    „wenn der heute sich Beklagende in der Vergangenheit keine Gelegenheit ausgelassen hat, um offensiv zu sein. “

    Und das soll dann eine ebenso harte Reaktion rechtfertigen?
    Auge um Auge?
    Sry die Moderne sollte ein bisschen weiter als das.

    „Dass ihm jemand das „Recht auf Existenz“(?) nimmt, kann ich nicht sehen.“

    Wieder Wortklauberei.
    Aber im Endeffekt ja.
    Der einzige Grund weshalb dies nicht zutreffen könnte, ist das Tichy sich ja noch in seine Gruppe „flüchten“ kann.

    Aber stell dir jetzt mal vor, es gäbe keine solche Gruppe, sondern derjenige stände allein.
    Dann wäre die Zerstörung der beruflichen Existenz sehr wohl eine Einschränkung des Existenzrechts.

    „Die sagt nur aus, dass Dich der Staat nicht für Deine Meinung sanktionieren darf.“

    Genau das ist nicht so.
    Jeder ist an das Grundgesetz gebunden und es stört mich immens das diese Diskussion darüber, ob das Grundgesetz nur für den Staat gilt, immer wieder aufkommt.

  8. Avatar von ben_
    ben_

    Ich nehme den Boykott von einzelnen Personen ja grundsätzlich auch nicht auf die leichte Schulter und habe eben genau deswegen soviel geschrieben. Ich erkläre das aber gerne nochmal anders.

    Es sind keine „Saktionen“ und auch kein kategorischer „Boykott“. Niemand hat Roland Tichy verurteilt und niemand fordert uneingeschränkt Xing zu verlassen.

    Wir reden hier über (markt-) wirtschaftliche Unternehmungen. Sowohl die Xing AG als auch die Tichys Einblick GmbH sind freie Unternehmen, die sich für ihre jeweilige Produktausrichtung frei entschieden haben und ein wirtschaftliches Risiko tragen. Roland Tichy ist in diesem Fall nicht einfach nur ein Mitarbeiter bei einer Firma. Er hat sich selbst zur Marke, zum Produkt aufgebaut, ein ganzes Magazin und eine ganze GmbH seinen Namen gegeben. Und Xing hat diese Marke nicht nur bewusst eingekauft sondern zum Chefredakteuer seiner Nachrichtensektion, seiner eigenen inhaltlichen Ausrichtung gemacht, zu einer seiner Identität. Auf der Startseite von Xing sind die News einer der vier zentralen Produkte des Unternehmens. Wir reden nicht darüber, dass ein Nachwuchsjournalist eine dumme Kolumne bei Xing geschrieben hat. Wir reden über einen Mann, der sich selbst zur Marke gemacht hat und die Verantwortung für ein Viertel der Produktidentität einer Aktiengesellschaft trägt. Und hier hat Roland Tichy auch kein zwei Rollen. Es gibt nur ein Rolle: Roland Tichy, der Publizist, Journalist und Meinungsmacher. Das hatte ich im Orginalartikel vielleicht nicht deutlich genug gemacht: Aber eben deswegen halte ich es in diesem Einzelfall ja für legitim, Xing zu verlassen.

    Und: Selbst wenn Roland Tichys berufliche Existenz auf dem Spiel stünde, fände ich das okay. Wenn man der Meinung ist, ein liberal-konservatives Meinungsmagazin als GmbH zu Gründen und zu führen (es hätte ja auch andere Wege geben, sowas zu finanzieren), dann ist das wirtschaftliche Scheitern, weil man nicht genug Menschen findet, denen die dort vertretenen Meinungen Geld wert sind (oder das als brauchbares Werbeumfeld betrachten) eben das Risiko, das man von Anfang an und die ganze Zeit trägt.

    Also nochmal: Roland Tichy ist kein Schuhverkäufer, der einmal was Falsches gesagt hat, dafür bei Twitter in eine Shitstorm gerät und seinen Job verliert. Das Geschäftsmodell der Tichys Einblick GmbH beruht auf der Provokation mit Meinungen. Und das muss ein Unternehmen wie Xing gewusst haben. Alles andere wäre grob fahrlässig und damit kaum besser.

    Und das wichtigste an der ganzen Sache: Es ist doch dies die zentrale Funktion, die ich als Konsument im freien Markt habe: Zu entscheiden welche Angebote ich nachfrage und welche eben nicht.

    Ich habe mich als Konsument gegen ein iPhone und für ein Fairphone entschieden. Ist das jetzt eine unlautere Sanktion gegenüber Apple und Samsung und etliche andere Hersteller? Und wohlgemerkt: Ich habe mich ja aus moralischen Gründen für das Fairphone und gegen die anderen Marktangebote entschieden, so wie sich Mathias Richel aus moralischen Gründen gegen das Angebot von Xing entschieden hat. Und ich finde – gerade das, ist doch eine Art zu Handeln, die Du doch auch immer wieder einforderst, Gero, oder nicht?

  9. Avatar von Wuffel Chen
    Wuffel Chen

    Ich persönlich mag Tichy nicht, ich mag aber ebenso die ganze Hysterie und Scheissstürmerei nicht. Und XING wird eh überschätzt, StudiVZ für BWLer.
    Ich bin aber nach wie vor dafür, zumindest von den verschiedenen Verstrickungen zu erfahren, damit ich selbst entscheiden kann, wem ich meine Daten oder meine Kohle gebe. Tichy und Konsorten würden nämlich von mir nichts bekommen. Warum auch, wenn ich die nicht leiden kann. Allerdings fällt mir kein sinnvoller Ansatz ein, wie das entsprechende Wissen ohne Boykottaufrufe und Hysterie an mein Ohr kommen sollte. Insofern bin ich da ambivalent.

  10. Avatar von amo
    amo

    mit der moral ist das so eine sache, arbeiten doch richel und tlgg für thyssenkrupp und eon, einen waffenproduzenten und einen atomstromerzeuger. da muss man doch aufpassen, nicht ins bigott-näpfchen zu treten, oder?

  11. Avatar von Gero
    Gero

    @Ben:
    Zunächst bin ich beruhigt, das mein Rollentrennungsansatz nicht gänzlich zerrissen wird.

    Aber zu deinem Text:
    „Es sind keine „Saktionen“ und auch kein kategorischer „Boykott“.“

    Doch, auch wenn das unschöne Worte sein mögen, genau das ist es.

    Zum konkreten Fall:
    Ich könnte deiner Argumentation, dass es sich bei Tichy eben um nur eine Rolle handelt durchaus zustimmen, aber entscheident ist imo, ob Tichy bei Xing diegleiche Art von „Journalismus“ betreibt (oder betreiben würde, die Sache hat sich ja scheinbar erledigt) oder nicht.
    Falls nicht ist deine Argumentation hinfällig, denn es wären wieder zwei Rollen.

    Zum Grundsätzlichen:
    „Und das muss ein Unternehmen wie Xing gewusst haben. Alles andere wäre grob fahrlässig und damit kaum besser. “

    Genau das ist aber ein Verhalten, was ich falsch finde.

    Genau das ist präventive Diskriminierung (im Sinne von vorauseilender Diskriminierung), die besonders in den USA aber auch hier immer mehr Einzug hält.
    Kontroversere Personen haben es schwerer an Jobs zu kommen und das kann im Sinne der Meinungsfreiheit und der Freiheit allgemein einfach nicht richtig sein.

    Entweder ich habe Verbrechen begangen, dann ist der Staat für die Sanktionierung zuständig, oder ich habe kein Verbrechen begangen und man darf mich zwar kritisieren, man muss mich auch nicht unterstützen, darf mich aber auch nicht weiter sanktionieren.

    „Und das wichtigste an der ganzen Sache: Es ist doch dies die zentrale Funktion, die ich als Konsument im freien Markt habe: Zu entscheiden welche Angebote ich nachfrage und welche eben nicht.“

    „Ich habe mich als Konsument gegen ein iPhone und für ein Fairphone entschieden […] ist doch eine Art zu Handeln, die Du doch auch immer wieder einforderst, Gero, oder nicht?“

    Aber diese moralische Entscheidung muss auf dem konkreten Produkt fußen oder auf dem konkreten Handeln des Unternehmens und nicht darauf was die Mitarbeiter sonst noch, außerhalb des Unternehmens so machen.

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