Über Rivva bin ich im letzten Jahr häufiger auf Artikel bei Tichy Einblick gestossen. Für alle, die die Seite nicht kennen: Das ist nach eigener Aussage ein liberal-konservatives Meinungsmagazin, dessen Name sich von seinem Gründer Roland Tichy ableitet. Ich habe mich über die allermeisten Artikel, die ich über Rivva gefunden habe sehr geärgert, so sehr geärgert, dass ich mehrfach kurz davor war darüber zu bloggen. Irgendwann in den letzten habe ich mich aber kategorisch dagegen entschlossen. Es ist die Mühe nicht wert, den Provokationen der dortigen Autoren nachzugeben. Ich wollte meine Energie lieber in etwas konstruktiveres stecken. Jetzt muss ich doch drüber schreiben, denn ich habe mich die halbe Nacht über die aktuellen Ereignisse rund um Roland Tichy geärgert und ich finde, das ist auch ein wichtiges Ereigniss im Netz 2017, was dort passiert ist. Aber … was ist passiert?
Was passierte …
Roland Tichy ist eigentlich Wirtschaftsjournalist und irgendwann Ende 2015 von Xing zum Chefredakteur der hauseigenen Newsredaktion gemacht worden. Letzte Woche dann erschien dann bei Tichys Einblick Artikel mit dem Titel „Warum Sie mit psychopathologisch gestörten Gutmenschen nicht diskutieren sollten“ …
„Grün-linke Gutmenschen (eigentlich nur Gutmeiner, weil gute Menschen etwas anderes meint) sind – und ich sage das einfach so dahin – krank. Nicht körperlich, sondern geistig-psychisch. Darum ist es weder sinnvoll noch empfehlenswert, sich auf grössere Diskussionen mit ihnen einzulassen.“
… schrieb der Autor Jürgen Fritz.
Mit einem Hinweis darauf, und dass er Roland Tichy nicht über Xing querfinanzieren wolle, kündigte Mathias Richel dann vor wenigen Tagen seinen Account bei Xing. Darauf folgten ihm viele (soweit man das über Twitter beurteilen kann). Und daraufhin wurde der Artikel am Sonntag zurückgenommen und gestern dann trat Roland Tichy als Herausgeber von Xing News zurück, weil er Morddrohungen erhalten hat. Das wiederum führte in einigen Blogs wieder zu Aufschreien. Aber auch schon der Boykott von Xing wurde als Mittel kritisiert.
Xings Rolle und Tichys Selbstbild
Jetzt meine Einschätzung zu der ganzen Sache: Ich finde es ausgesprochen legitim Xing zu verlassen für einen Artikel, der bei „Tichys Einblick erschien und will gerne auch erklären warum …
Xing hat die Rolle eines neutralen Vermitler. Die hat es sich selber gegeben. Xing versteht sich als berufliches Social Network, das Leute zusammenbringt. Ihr Vision lautet „For a better working life“ und nicht „For a better liberal-konservatives working life“. Wenn Xing nun jemanden wir Roland Tichy als Chefredakteur einstellt, dann ist das eben auch eine politische Positionierung, so gut Roland Tichy auch als Wirtschaftsjournalist sein mag. Denn … auf der Webseite, die er unter Tichys Einblick betreibt werden politische Meinungen vertreten. Meinungen die provozieren sollen. Meinungen, von denen ich denke, dass mindestens einzelne davon weder liberal noch konservativ sind, sondern so national und autoritär, dass sie noch vor die Gründungsideal der Bundesrepublik zurückfallen und wohl besser eim Kaiserreich aufgehoben werden. Meinungen, deren zentrale Botschaft der Kampf gegen Grün-Links ist. Und über all diesen Meinungen steht in 40 Pixel Grösse Roland Tichys Name, ganz praktisch im Layout auf der Webseite. Roland Tichy verfolgt unter seinem Namen eine publizistisch-politische Agenda.
Das ist fair enough. Ich habe mich über vieles dort geärgert und ich finde es traurig, dass das inzwischen als liberal-konservativ durchgeht. Aber ich habe nicht einmal gedacht, dass das unter Volksverhetzung läuft. Und ich habe mich ja auch entschieden das einfach zu ignorieren und mich eben nicht provizieren zu lassen. Aber: Es ist nicht möglich, das bei Roland Tichys Arbeit als Chefredakteur der Xing News auszublenden. Und es kann auch nicht gewollt sein. Weder von Xing noch von Roland Tichy.
Ich kann nicht Wolf Biermann oder Hannes Wader zum künstlerischen Leiter meiner Musikschule machen und erwarten, dass die Leute das nur als künstlerische Entscheidung sehen, und nicht auch als politische Positionierung. Und ich kann nicht erwarten, dass die Leute, die mit Wolf Biermanns oder Hannes Waders politischem Engagement ein Problem haben, nicht kündigen und sich woanders das Guitarrenspiel beibringen lassen. Das ist eine selbstverständliche und legitime Reaktion.
Xing hat an der Stelle seine Position als neutraler Vermitler schlicht aufgegeben. Auch das ist fair enough. Weite Teile der bundesdeutschen Wirtschaft und insbesondere die Führungspositionen dürften sich selber sofort als liberal-konservativ bezeichnen. Da ist es nur legitim, die im Rahmen der eigenen Produkte abzuholen und bevorzugt zu behandeln. Jedes Unternehmen darf sich seine Zielgruppe selber aussuchen. Aber … man darf sich eben auch nicht beschweren, wenn sich Leute dann eben nicht mehr in dieser Zielgruppe wiederfinden. Und damit wir uns hier nicht falsch verstehen: Die Dinge, die bei Tichys Einblick veröffentlicht werden sind oft genug ein Schlag ins Gesicht von Grün-Linken (und das sind ja immerhin noch ca. 40% der Deutschen) und auch genau so gewollt. Es mag Menschen geben, die das als Herausforderung und Übung betrachten, aber die meisten lassen sich eben doch nicht gerne ins Gesicht schlagen und dann zu kündigen ist meiner Meinung nach völlig legitim.
Meinungspluralismus und Marktwirtschaft
Der Blogger „Stefanolix“ vertritt in dem Artikel „Dissidenten“ die Meinung, dass es wichtig ist, Meinungsmachern wie Roland Tichy nicht mit Boykotten mundtot zu machen …
„Der Boykottaufruf ist ein legitimer Teil der Meinungsäußerung. Ich halte es aber für infam, gegen einzelne Publizisten oder Medien Boykottaufrufe zu starten, die deren Existenz und Reputation gefährden. Je schmaler das Spektrum der geäußerten Meinung wird, desto mehr ist die Demokratie in Gefahr.“
Das finde ich einen wertvollen und diskussionswürdigen Punkt. Ja … ein Plattform wie Tichys Einblick mag einen Beitrag zur Stabilität der Demokratie liefern. Ich bin mir da nicht sicher. Die Metronauten sehen das z.B. anders und vertreten im ARtikel „Warum es legitim ist, Unternehmen zu einer politischen Positionierung zu zwingen“ die Meinung dass eine Site wie Tichys Einblick eine wichtige Vermittlerposition zwischen bürgerliche-konservativen Positionen und rechtsradikalen darstellt. Auch das scheint mir nicht unplausibel, wenn wir mir die Texte bei Tichys Einblick so ansehe. Das ist aber nicht der Punkt. Ich bin mir nicht sicher, welchen Wert Tichys Einblick hat oder nicht hat. Sicher bin ich mir, dass Mathias Richel als richtig gemacht hat, als er selber die Entscheidung fällte Xing zu verlassen und andere ebenfalls aufforderte das zu tun. Es gibt keine Pflicht – weder in der Demokratie noch in der realexistierenden Marktwirtschaft – diejenigen, die sich selber zum politischen Gegner stilisiert haben, wirtschaftlich auch noch zu unterstützen. Wenn Xing oder Tichys Einblick in der Folge von Matthias Richels Entscheidung wirtschaftliche Probleme bekommen, dann ist das deren Problem, denn wohlgemerkt lagen die Entscheidungen zur politischen Positionierung und Radikalisierung sowohl bei Roland Tichy selber als auch bei Xing. Matthias Richel und alle, die es ihm nachgetan haben, haben an der Stelle nur die folgerichtige Konsequenz daraus gezogen. Und wenn dann nicht mehr genug wirtschaftlich Kraft übrig bleibt, um die jeweiligen Unternehmungen zu tragen, dann ist das in der Marktwirtschaft nun einmal so, das muss man da ertragen. Wenn man das anders haben will, muss man sich wohl für eine Planwirtschaft entscheiden …
Wohlgemerkt: Tichys Meinungsmagzin aushalten ist nicht das Problem, auch wenn es anstrengend ist. Es geht bei der Entscheidung Unternehmen und Unternehmungen nicht mehr wirtschaftlich zu unterstützen ja nicht um deren Vernichtung. Es geht nur darum, Dinge die man für falsch hält eben nicht selber auch noch zu unterstützen. Das sind zwei grundverschiedene Sachen. Wie gesagt: Wenn Roland Tichy und Xing genug Menschen finden, die ihnen trotz oder gerade wegen ihrer politschen Arbeit genug Geld geben, um damit brauchbar wirtschaften zu können, bin ich fein damit, dass es die gibt.
Gewalt und Barbarei
Und damit wir uns auch beim letzten Kapitel nicht falsch verstehen: Morddrohungen gehen gar nicht. Ich würde sogar noch weiter gehen: Selbst die Androhung von Gewalt geht gar nicht. Eigentlich nichteinmal beim Staat, der das Gewaltmonopol besitzt. Denn wir haben es ihm ja auch genau dem Grunde übertragen, dass wir eben frei sein wollen von Gewalt. Vor der Androhung von Gewalt einzuknicken halte ich praktisch jederzeit für legitim. Wer das nicht tut verdient sich meine Bewunderung. Der Moment, in dem in einer Debatte Gewalt angedroht wird, ist der Momment in dem der gesamte Diskurs und seine Teilnehmer in die Barbarei zurückfallen. Also das ist keine Übertreibung. Eine der zentralen Eigenschaften – vielleicht sogar die zentrale Eigenschaft – der Barbarei ist nun einmal der willkürliche Einsatz von Gewalt. Und schon bei der Androhung von Gewalt kann ich mir als bedrohter nicht sicher sein, ob der Drohnung Taten folgen oder nicht.
Dass 2017 damit beginnt, dass prominente national-polemische Journalisten wegen Morddrohungen ihre Arbeit sein lassen … das ist ein ganz schlechtes Zeichen. Für uns alle.
Nachtrag: Puh … so … jetzt bin ich hoffentlich einfürallemal durch mit Tichys Einblick. Mich hat die Elende Diskussion drei Stunden Nachtschlaf gekostet, so sehr musste ich mich aufregen. Vor allem, weil ich das ja eigentlich gar nicht wollte. Je öfter ich Doris Lessing lese, desto wertloser erscheint mir die Zeit, die ich in solchen Diskursen verbringe und sei es auch nur eine halbe Stunde vorm Einschlafen. Es sind von beiden Seiten praktisch ausschliesslich destruktiv geführte Auseinandersetzungen, die nur immer noch weiter in die Teilung und Dunkelheit führen, wie man bei Rivva und Twitter sehr gut beobachten kann. Ich bewundere und beneide Doris Lessing sehr für ihre Fähigkeit dem Irrsinn des zweiten Weltkrieges, des Vietnamkrieges, der restriktiven Gesellschft der 40er und 50er Jahre etwas so Kreatives und Vorausschauendes und Gutes entgegensetzt zu haben. Ihr Weg ist der Beste und ich will künftig noch mehr Versuchen, ihrem Beispiel zu folgen … wir werden nichts verändern, wenn wir nur auf unsere politischen Gegner einschlagen. Nichts und wieder nicht. Erst wenn wir es schaffen, plausibel und mitreissend aufzuzeigen, ästhetisch erfahrbar zu machen, dass es eine besseres Morgen geben kann, erst dann machen wir wirkliche Fortschritte …

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