Mir war der Bechdel-Test schon vor einer Weile untergekommen,
Menschen verlinken sowas ja immer gerne mal. Außer, dass er offensichtlich etwas zeigt, hatte ich ihn aber nicht weiter wahrgenommen. Über Rivva kam ich dann aber letzte Woche oder so einem Artikel in der Sueddeutschen, der erwähnte, dass in Schweden jetzt vier Kinos ihre Filme auszeichnen, ob sie den Bechdel-Test bestehen oder nicht. Seither hab ich da noch mehr drüber nachgedacht.
Als erstes Mal: Wie geht der Test? Das ist ziemlich einfach. Anwenden läßt er sich auf jeden Film, jede Serie, und jedes Buch, ja sogar auf journalistische Texte, wenn man ihn etwas modifiziert. Ursprünglich besteht er aus drei Fragen.
- Spielt in einer Geschichte mehr als eine Frau mit?
- Unterhalten sich die Frauen?
- Sprechen sie über etwas anderes als Männer?
Nur wenn alle drei Fragen mit „Ja“ beantwortet werden können, ist der Test bestanden. Weil die Fragen aufeinander aufbauen, kann man es auch in einer Frage zusammenfassen.
Sprechen in einer Geschichte zwei Frauen über etwas anderes als Männer?
Ich glaub ich mag den Test aus zwei Gründen: Zum einen ist er ein rein werk-immanentes Werkzeug. Es geht nicht um die Prozesse um ein Werk herum, um Diskurse und Machststrukturen, sondern es geht um das Werk selber. Zum andere ist er ohne große analytische Fähigkeiten oder weitere Schulung durchführbar. Ich würde sogar noch weiter gehen und ihn um zwei weitere Bedingungen ergänzen.
- Kann man sich hinterher an den Gegenstand des Gesprächs erinnern?
- Oder tragen die beiden Frauen gemeinsam zur Handlung bei?
Das erste zusätzliche Kriterium schließt zusätzlich unbedeutende Dialoge wie „Einen Kaffee bitte.“ aus. Das zweite Kriterium macht mit dem eigentlichen Anspruch des Tests Ernst. Es kann ja nicht darum gehen, ob zwei Frauen miteinander sprechen, sondern die eigentliche Frage ist, ja, welche Art von Rollen haben sie in der Geschichte eingenommen.
Was misst der Test eigentlich?
Laurel und Hardy in einer ruhigen Stunde.
Ein verblüffender Nebenaspekt des Tests ist, dass das Bestehen noch nichts garantiert. Ein mieser Porno könnte alle drei oder sogar alle fünf Kritetieren erfüllen und würde weder als guter Film noch als irgendwie gleichberechtigt gelten. Der Test alleine funktioniert nicht, sondern erst im Zusammenspiel mit anderen moralischen Kategorien. Aaaber … das Nicht-Funktionieren des Tests ist seine eigentliche Funktion, und ich glaube, das ist der Grund, warum er mich bis heute nicht losgelassen hat.
Denn was der Test beschreibt, wenn er fehl schlägt, ist erzähltheoretisch recht eindeutig: Frauen spielen entweder gar nicht erst mit, oder sie spielen nur Nebenrollen, oder – und das ist schon der beste Fall – sie spielen Hauptrollen, die aber ohne einen männlichen Gegenpart keine ganze Geschichte ergeben. Es sind allesamt Erzählungen, die zwar zuerst und an der Oberfläche irgendeine Geschichte erzählen wollen, die aber nicht umhin kommen die Geschichten von abhängigen Frauen zu sein. Aber zum Remsumé kommen wir erst am Ende, jetzt erstmal Bestandsaufnahme. Denn der Umfang, in dem Werke diese wirklich einfachen Test nicht bestehen, ist das erschreckendste an ihm.
Wer verliert?

Spock und Kirk haben’s mal wieder vermasselt.
Es überrascht wohl niemanden, dass Hollywood der große Verlierer des Bechdel-Tests ist. Unter meinen 10 liebsten Filmen haben zu meiner eigenen Verfblüffung immerhin drei (Alien, Das Piano, Das Fest) den Test bestanden. Ein Überfliegen der 90 weiteren zeigt, dass sich die gute Anfangsquote nicht halten läßt. Und unter den Verlierern sind Regisseure und Regisseurinnen, wie die Cohen-Brüder, Sofia Coppola, Quentin Tarrantino, David Lynch, Oliver Stone und Terry Gilliam.
Bemerkenswerter Weise ist die Quote unter meinen 100 liebsten Bücher scheinbar noch schlechter. Von den ersten 10 würde keines den Test bestehen. Und in der Liste stehen immerhin zwei Literaturnobelpreisträger und kein geringerer als William Shakespeare. Die gesamte Liste umfasst zudem so unerwartete Verlierer, wie Douglas Coupland, Otfried Preussler, Michael Ende, Douglas Adams und Terry Pratchett. Ob das nur für meine Leseverhalten gilt, oder sogar verallgemeinbar ist, kann ich nicht so ganz sagen. Da Literatur anders als Film eine deutlich längere Geschichte hat, stehen die Chance für sie allerdings nicht gut. Mich würde mal interessieren, wie der eine oder andere Kanon so abschneidet.
Meine Comic-Sammlung brauche ich gar nicht erst aufschlagen. Dafür schwant mir noch Schwärzeres. Wobei! Ha! Der Schimpansen-Komplex besteht den Test.
Computerspiele sind in der Hinsicht ein nicht so uninteressantes Feld, wie man vielleicht meinen mag. Zwar darf man sich vermutlich keine erzählenden Games anschauen (wie man gerade drüben bei Marc über die letzte Instanz von Grand Theft Auto mal wieder lesen konnte), aber es gibt ja noch die Geschichten, die sich die Spieler selber erzählen, die Figuren, die sie selber einnehmen. Und wenn ich mich so in Sturmwind umsehe, ist das Geschlechterverhältnis dort doch ausgeglichener als in meinen Top100-Listen. Das ist bemerkenswert gerade weil klar ist, dass die Geschlechterverteilung bei den Spieler hinter den Figuren noch zu Ungusten der Frauen ausfallen dürfte. Oder anders: Wenn sich Spieler zusammentun und die Wahl haben, dann haben Sie schon irgendwie einen Impuls der zumindest etwas ausgeglichenere Erzählverhältnisse hervorbringt, als wenn man professionellen Erzählern und Marketingmenschen frei Hand läßt.
Anakin und Obiwan bereiten sich auf einen Kampf vor.
Auch bei den Serien gibt es einige weniger überraschen Verlierer, wie 24, Band of Brothers, Hornblower, Das Boot und einige überraschende Verlierer: Star Trek hatte ich – zumindest seit „The Next Generation“ eigentlich immer als eher fortschrittlich wahrgenommen. Aber schaut man sich das genauer an, wird man wohl in allen drei großen Serien TNG, DS9 und Voyager nur wenig Episoden finden, die den Test bestehen. Und das trotz der Tatsache, das es in der Crew immer mindestens zwei wichtige Frauen-Figuren gab. Star Wars Serien-Pendant Clone Wars schlägt sich immerhin besser als die Filme: Es gibt mit Asoka Tano eine weibliche Jediritterin, die in den Filmen ja ganz fehlt und die mehrfach in Episoden zusammen mit Senatorin Papme sowie anderen Jedi-Ritterinnen eingesetzt wird. Auch wenn das nur Ausnahmen sind: Grundsätzlich scheinen mir Serien auf dem besseren Weg zu sein …
Wer gewinnt?
… denn unter den Serien ist die Liste der Gewinner überraschend lang: Ausgerechnet Alaska, Sopranos, Rome, Mad Men, Six Feet Under, Borgia, the Walking Dead, und sogar das ansonsten als archaisch gebrandmarkte „Game of Thrones“. Spontan würde ich sagen, das Serien durch die längeren Erzählstränge größere Ensemble haben und so schlicht über die Masse den Test bestehen.
Unter den Gewinner-Serien würde ich in zwei Gruppen unterscheiden: In der einen finden sich Gillmore Girls, Sex and the City und Desperate Housewives wieder, in der anderen Gruppe finden wir Ally McBeal, Buffy, Angel und Firelfy. Die Serien der ersten Gruppen drüften den Spieß vermutlich umdrehen, würde ich vermuten. Die wenigen Männer, die mitspielen, tuen das eigentlich nur in Abhängigkeit der Frauen. Die letzte Gruppe aber ist der Teil, wo es tatsächlich nett wird, auch wenn ich mich etwas schwer damit getan habe, Ally McBeal nur doch ein Komma getrennt von Buffy hinzuschreiben, verdient hat es sich die Serie doch.
Butch Cassidy und Sundance Kid auf der Flucht.
Schauen wir uns mal ein paar Filme an, die den Test bestanden haben.
- Thelma und Louise (fällt einem latürnich als Erstes ein)
- Dancer in the Dark
- Der Gott des Gemetzels
- Das Wochenende
- Wir sind die Nacht
- Barbara
- Juno
- My Big Fat Greek Wedding
- Meet the Parents und Meet the Fockers
- Black Swan
- Sucker Punch
- Merrida
- Despicable Me
- Lilo und Stich
Das ist eine ganz spannende Mischung. Als erstes muss man latürnich an Thelma und Louise denken, ich zumindest. Und es ist in dem Kontext schon nicht unbemerkenswert, dass eine Geschichte, der mit umgedrehten Geschlechtern, als mit Kerlen als Hauptfiguren schon 20 mal verfilmt wurde und wahrlich unspektakulär ist, sich zu einer Ikone entwickelt hat, eben weil es mal zwei Frauen sind.
Mit dem Gott des Gemetzels und dem Wochenende haben wir zwei Literaturverfilmungen im Boot. Und Barbara wirkt immerhin wie ein Romanverfilmung. Dancer in the Dark, Sucker Punch und Black Swan hingegen würde ich mal in einen Topf werfen und als „Kunstfilme“ bezeichnen. Hier wird schon, bevor der Film losgeht klar gemacht, dass das hier nicht „normales“ Kino ist. Zusammen mit den oben schon erwähnten Filme „Das Piano“ und „Das Fest“ gibt das eine ziemlich große Gruppe die ich mal „Filmkunst“ oder „Programm-Kino“ nennen will.
Alien ist der einzige richtige Genre-Film mit internationalem Erfolg und einem Ansehen, das über die Jahrzehnte gehalten hat, der mir spontan einfällt. Aber auch er dürfte des Test nur mit viel gutem Willen überstehen, ist die Beziehung zwischen Ripley und Lambert doch alles andere als eng.
Im Rahmen des „normalen“ Kinos gibt es zwei klare Genre-Kandidaten: Komödien und Kinderfilme. Ersteres ist nicht wirklich erstaunlich. Letzteres finde ich aber schon bemerkenswerter. Merrida, Despicable Me und Lilo und Stich gehören ja schon mit zum Besten, was die Branche in dem Genre zu bieten hat. Scheinbar gibt es hier auch bei den Machern ein Bewußtsein, dass man Kindern irgendwie was anderes erzählen sollten. Das könnte vielleicht daran liegen, dass die Hälfte der Menschen, die diese Filme machen und die Eltern sind, garantiert eine Tochter haben. Wenn es um die eigenen Kinder geht, sehen die Massstäbe plötzlich ganz anders aus.
Obelix und Asterix bei der Pflege unbeugsamer Haare.
Was mich fasziniert ist, dass man zwar häufig Mutter-Tocher- oder Geschwister-Gespanne findet, aber das klassiker und den Zwei-Männer-Geschichten, die Männer-Freundschaft (oder auch die Bash-Brothers) sind praktisch Pendantlos auf der Siegerseit des Bechdel-Tests. Buffy und Willow sind vermutlich, das was am nächsten an Asterix und Obelix heranreicht. Wo sind die weiblichen Gegenstücke zu Holmes und Watson, zu Laurel und Hardy, zu Han Solo und Chewbakka, zu Titus Pullo und Lucius Vorenus, zu Sam und Frodo, zu Jack und Stephen?
Was sagt der Test denn jetzt aus?
Holmes und Watson sind der Lösung auf der Spur.
Wie oben schon angedeutet ist der Test ja kein Qualitätsgarant, und ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass er auch kein Nicht-Qualitätsgarant ist. Der Test ist nicht geniu-feministisch oder sagt etwas über den feministischen Gehalt einer Geschichte aus. Der Test ist zuerst eine erzähltheoretische Analyse-Dimension. Mit ihrer Hilfe läßt sich etwas über das Verhältnis von Geschichten zueinander und von Geschichen und Wirklichkeit sagen. Denn eines ist doch sicher: Die Hälfte aller Entscheidungen der Welt werden von Frauen gefällt. Die Hälfte aller Abenteuer der Welt erleben Frauen. Frauen sind die Hälfte der Menscheit. Überall. Sollten unsere Geschichten etwas anderes erzählen, liegt der Grund dafür ganz sicher nicht „dadraußen“ in der Welt, sondern in unserer Kultur.
Mir ist der Test, je länger ich an dem Artikel hier geschrieben habe, immer wichtiger geworden. Nicht weil ich mir oder irgendwem damit den Spaß an Literatur oder Filmen und Serien vermiesen möchte, oder weil ich jemandem ein schlechtes Gewissen machen möchte. Nein. Das wäre Unfug. Dazu taugt der Test ja auch gar nicht. Ich genieße ja auch Shakespeare, obwohl der bei Leibe kein Demokrat, und bestenfalls ein halbherziger Aufklärer war. Aaaber … ich kann bin mir dessen aber bewußt, wenn ich Hamlet schaue. Ich erkenne das Un-Demokratische, das Un-Humanistische im Shakespeare; ich erkenne als etwas, das vielleicht in seiner Zeit nicht wirklich vermeidbar war; aber ich mache es mir deshalb nicht zueigen. Ich kann unterscheiden. Ich möchte die These aufstellen, dass sich die wenigsten wirklich und ehrlich des Ausmasses bewußt sind und bewußt im Kino oder im Lesesessel erkennen, wie un-gleichberechtigt, wie un-aufgeklärt unsere Erzählungen in weiten Teilen immer noch sind.
Und – und das ist das wichtigste – es soll allen Ansporn sein, es anders zu machen; den Vorbilder zu folgen, die bewiesen haben, dass man es anders machen kann, wenn man nur will, dass es nicht einmal schwierig ist.
Der Rest ist Schweigen
Besonders, besonders, ganz besonders schön finde ich, dass Das Piano den Test besteht, obwohl seine Protagonistin den ganzen Film über schweigt. Wie herrlich!

Horatio und Hamlet am Strand von Helsingör
in weit entfernten, glücklicheren Tagen.

Schreibe einen Kommentar