50 Jahre Digitalkombinat

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Kommentare

3 Antworten zu „50 Jahre Digitalkombinat“

  1. Avatar von Sascha

    – – –

    Ich wohne in einem Stadtteil Hamburgs, in dem es keine Sorgen gibt, außer vielleicht, daß zu viele Fahrräder den Eingangsbereich der Wohnanlage verschandeln. Die Bewohner stimmen ab, ob eine Verschandlung vorliegt, und wenn ja, dann wird ein apartes zwölfeckiges Fahrradhäuschen auf den Bürgersteig gesetzt. Dies

    ist die reichste Stadt Europas, und das merkt man. In meinem Stadtteil wohnen fast nur Lehrer und Journalisten, „Spiegel“, „Geo“, „Brigitte“, namentlich welche von der „Zeit“. Diese Zeitschrift hat 105 Redakteure und Tausende und aber Tausende andere Mitarbeiter. Da das Blatt eine ungeheure Auflage hat, kann es sich die vielen Leute leisten, obwohl natürlich drei oder vier Redakteure auch reichen würden. Ein Volontär kriegt 6000 Mark, oder so. Sie nehmen jeden, der eine Altbauwohnung über 120 Quadratmeter mit Parkettfußboden und Doppelflügeltüren vorweisen kann. Mit 48 werden die durchaus sympathischen Zeitschriftenmenschen

    zum ersten Mal Vater. Sie schnappen sich ihr Kind und zusätzlich Rucksack und Fahrrad und rasen zum Edel-Bio-Türken sonnabends um Viertel vor eins. Den Bio-Edel-Türken begrüßen sie allen Ernstes mit »Grüß dich, Mehmet«. Sie würden nie zu einem deutschen Gemüsehändler »Grüß dich, KarlHeinz« sagen, das wäre eine Anbiederung, aber »Grüß dich, Mehmet« ist ein Signal gegen den Haß!

    Dann schreiten sie zum Kühlregal und greifen nach der letzten Flasche mit guter Milch. Da trete ich in den Laden, erster Blick ins verwaiste Kühlregal, zweiter Blick auf die Flasche in der Hand des späten Vaters. Was will der mit meiner guten, pasteurisierten, aber nicht homogenisierten Milch aus dem atombedrohten Wendland? Für ihn wäre doch auch das fettige Wasser gut genug, welches Supermärkte als Milch anbieten. Es ist nicht zu fassen, was für ein Getue die Leute wegen Wein veranstalten, aber was für eine Plempe sie sich als Milch andrehen lassen. Der Medienmann kauft die gute Milch aber gar nicht, weil sie gut ist, das ahnt er zwar, doch er weiß es nicht, denn vom Grappatrinken sind seine Geschmacksknospen in einem Zustand wie Dresden 1945. Er kauft die Milch, weil es standesgemäße Flaschenmilch ist. Er soll sie mir geben und sich im Supermarkt »Landliebe« kaufen. Die ist auch in der Flasche. Aber im Supermarkt kann er natürlich nicht »Grüß dich, Mehmet« sagen.

    Mehmet findet sie lustig, die Männer mit den Kleinkindern, den langen, grauen Haaren und den Rucksäcken, die sich zehn Minuten anstellen, um ein paar Äpfel zu bezahlen. Der Rucksack wird abgenommen, es werden zwei Laschen aufgepfriemelt, dann wird eine lederne Schleife geöffnet, die Äpfel kommen in den Sack, eine neue Schleife wird gebunden, die beiden Laschen werden wieder zugepfriemelt, dann geht’s wieder auf den Rücken mit dem Sack, und das alles mit Luftpumpe in der Hand und Kleinkind zwischen den Beinen. In der Zeit, die die Rucksackaktion gedauert hat, hätten andere Leute 25 reiche Witwen erdrosselt. Mehmet weiß natürlich nicht, wie diese komischen, ungeschickten Leute heißen, die »Grüß dich, Mehmet« zu ihm sagen, aber er mag sie, denn sie zahlen jeden Preis.
    Flasche Apfelsaft 6 DM? Kein Problem!

    Demnächst wird Mehmet eine gläserne Vitrine aufstellen, worin mundgeblasene Künstlerflacons mit 25 Jahre altem Essig stehen. 79 Mark 90 wird er pro Flasche haben wollen, und er wird nicht lang auf das Geld warten müssen, denn die Lehrer und Journalisten scheinen einander alle zu kennen und sich gegenseitig übers Parkett zu knarren, und gutwillige Menschen schenken einander ja ständig irgendwas Wunderbares. In dieser friedensreichen Subkultur, wo Autos und Schmuck nicht viel zählen, ist alter Essig halt das Statussymbol. »Balsamico, Balsamico« hallt es durch die Räumlichkeiten der Persönlichkeiten. Sie fliegen, glaube
    ich, auch zu Essigproben-Wochenendseminaren.

    Eigentlich sind diese Leute wirklich nett, und solange sie mich nicht in ihre Weinkenner- und Theatergespräche einbeziehen, gibt es nichts zu kritisieren.

    Den sympathischen Mehmet machen sie zum schwerreichen Mann. Schön ist’s in dieser Gegend. Nie hört man einen Schuß oder einen knackenden Knochen. Man ohrfeigt einander nicht mal.

  2. Avatar von Lena

    Jetzt hab ich Hunger bekommen 🙂 Glückwunsch trotzdem oder gerade deswegen 😉

  3. Avatar von Lars

    Hey, dann gehört Ihr ja fast mit zu den Begründern des Webdesigns, was? 😉

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