Schon seit meiner Kindheit bin ich mir unsicher, ob man „gestern Nacht“ oder „heute Nacht“ sagt. Die Nacht ist ja irgendwie zwischen gestern und heute. Zum Glück ist mir gerade eingefallen, dass ich dieses fast 30 Jahre alte Problem mit „vergangene Nacht“ lösen kann. Vergangene Nach konnte ich irgendwelche Haus-Nachbarn bei ihrer Unterhaltung zuhören. Also nur bedingt zuhören, denn obwohl der Tonfall klar und deutlich war, ließ sich kein einziges Wort verstehen. So wurde ich Zeuge eines Zwiegesprächs zwischen einem jungen Mann und einer jungen Frau, ohne je zu erfahren, worum es denn nun ging. Aber der Singssang der Stimmen war sehr schön. Das fasziniert mich schon lange. Denn ich möchst mal behaupten, das die natürliche Rede, das echte Gespräch ein literarisch höchst interessanter Ort ist. Ich selbst bin ein notorischer Inswortfaller. Und auch sonst sind reallife Unterhaltungen weit dynamischer als es einem Schriftsteller lieb sein kann. Und ich glaub ich habe nur sehr sehr selten in Büchern überzeugende „echte“ Dialoge gelesen. Das ist aber auch nicht schlimm. Literatur hat ja auch nur selten den Anspruch, die echte Welt naturalistisch abzubilden. Das sollte ja auch schwer sein, denn das Übereindander unterschiedlicher Stimmen kann man zwar erhören, aber nicht schreiben.
Filme hingegen können ja nur in Außnahmefällen, die Abstraktion der Schrift für sich proklamieren und sind fast immer naturalistisch. Geht nicht anders. Man filmt halt immer Menschen, die reden. Doch auch dort findet man fast nie „echte“ Dialoge. Der Filmdialog, wird durch das Drehbuch definiert und das Drehbuch ist eine literarische Gattung. Schade eigentlich, denn das Hin und Her, das Auf und Ab, das Laut und Leise, das Gleichzeitig und das Schweigen von echten Gesprächen sind eigentlich wunderschön, wie ich vergangene Nacht erhören durfte.
Schreibe einen Kommentar