Vor einem schon vor einiger Zeit von mir gesehenen Fussballspiel schleppte der Veranstalter symbolisch den Preis für den Sieger ins Stadion: eine kleine goldene Kanone auf einem Holzbrettchen. Daraufhin zeigte sich der Sportkommentator ein bischen zerknittert. Seit Jahrzehnten versuche die Sportjournallie Kriegsmetaphern zu vermeiden, und dann falle einem so ein dösiger Veranstalter in die Flanke. Das fand ich prima. Sportjournalismus ist – das ist allseits bekannt – nicht gerade die Heimat der Dichter und Denker. Ein solcher bewußter, unauffälliger und v.a. bisher in der Tat funktionierender Selbstverzicht einer ganzen Berufklasse, deren Ruf nicht zum besten steht, nötigt mir Respekt ab.
Bei dem Schauspiel, das sich dieser Tag besonders bei halbwegs klarem Wetter vor allen Fenstern meiner Wohnung abspielt nicht an Fliegerkämpfe aus dem ersten Weltkrieg zu denken ist verdammt schwer. Ich wohne im zweiten Stock und mein Haus ist nicht nur freistehend, sondern seit wenigen Monaten auch noch gegenüber einer großen Wiese gelegen und somit Heim etlicher Schwalbenfamilien. Wie scheinbar alle Häuser in meinem Innenstadt Quartier. Ich hatte keine Ahnung, dass eine solche Menge Schwalben die Bielefelder Innenstadt ihr Zuhause nennt. Zumindest für den Sommer. Zu meinem Glück gibt es keinen unzulassigen Umkehrschluss, der besagt, dass wenn ein Schwalbe noch keinen Sommer macht, viele Schwalben einen machen, und sehr viele gar einen besonders sommerigen Sommer. Nein, ein Freund des Sommers bin ich nicht. Aber ein Freund der Schwalben.
Die nötigen mir nämlich auch reichlich Respekt ab. Mit halsbrecherischem Tempo rasen sie in Rudeln Schwärmen um mein Wohnung. Wirklich. Im Kreis immer ums Haus rum. Ich hab’s beobachetet. Zwischen durch die engen Zwischenräume zwischen dem Nachbarhaus. Dass denen nicht schlecht wird, bei den engen Kurven oder das Blut gänzlich in die Flügelspitzen gedrückt wird hat Gott die Evolution gut eingerichtet. Überhaupt: mit so einem Spatzenhirn ähm… Schwalbenhirn überhaupt diese Flugmanöver hinzubekommen, erfreut und fasziniert mich ausserordentlich. Das bekäme Richthofen ich auch nicht besser hin, trotz weit mehr Hirn.
In Walt Disneys‘ „Die Hexe und der Zauberer“ bringt Merlin dem jungen Jungen Arthur die Weisheit des Lebens bei, indem er den schlacksigen Burschen für ein paar Minuten in ein einfaches Tierchen verwandelt. Diese didaktische Transformation ist eine, die ich mir auch mal wünschen würde, die sich wohl Menschen seit jeher wünschen, wenn sie in einer Mußestunde ohne übermäßigen Hunger Schwalben beobachteten. Zum Glück leben wir in einem Zeitalter in dem man solche Wünsche zumindestens in der Virtual Reality realisieren kann. Aber ich schätze eine Schwalbenflugsimulater wird allerdings noch ein paar Jahre auf sich warten lassen. Bis dahin muss ich mich mit dem Roten Baron zufrieden geben und mir schlicht vorstellen ich würde eine Grille jagen, statt einem Engländer, und das Geschnatter der Maschinengewehre soll mir das inzwischen vertraute Hochfrequenzzwitschern sein.
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