Mit dem Browser spielen

Mein kleiner Staat läuft ganz gut. Zuerst habe ich die Grundlagen für mein Gemeinwesen gelegt: Städte gründen, Rohstoffe ausbeuten, Straßen legen und diplomatische Beziehungen aufnehmen. Meine Bürger sind ein fleißiges Völkchen. Sie arbeiten auch, wenn ich schlafe, Fernsehen schaue oder schwimmen gehe. Jedesmal, wenn ich nach ihnen sehe, haben sie schon wieder ein neues Feld angelegt, dem Meer ein Stück Land abgetrotzt, Obstbäume gepflanzt, eine Schule gebaut und ein paar Kinder in unsere virtuelle Welt gesetzt. Viele Dinge machen meine Bürger schon recht gut alleine, weil ich als guter Gott weise Gesetze erlassen habe. Brauchen sie doch meine Hilfe, weil die Lebensmittel knapp werden oder sie wissen wollen, ob statt einer Kathedrale lieber eine Universität gebaut werden soll, schicken sie mir kurze Gebete – per RSS-Feed. In dringenden Fällen wie Naturkatastrophen oder Epidemien auch per SMS.

Je nach Einschätzung kann ich meinen Bürgern dann mit einer kurzen Mail oder SMS Weisungen geben oder mir mit meinem Handy einen Überblick über das Ausmaß des Geschehens verschaffen und erste Hilfemaßnahmen einleiten. Denn auch per Mobiltelefon ist mein Staat problemlos bespielbar, weil die Darstellung auf das Wesentliche reduziert wird. Und schon am nächsten Rechner kann ich meine Welt in voller Pracht bewundern und mit allen mir gegebenen göttlichen Mächten zu Tat schreiten. Vielleicht bitte ich sogar einen anderen Gott um Hilfe, denn im Pantheon dieser Welt ist jeder Spieler ein Gott. Und es gibt viele Spieler, sodass der nächste Staat gleich nebenan blüht.

Zurück zur Gegenwart

Leider gibt es dieses Spiel (noch) nicht. Es ist nur eine Idee. Eine Idee von der Macht, die Browserspiele entwickeln könnten. Denn in Browserspielen steckt mehr Potential, als manch einer vermutet. Gut, Spiele im Browser sind nicht jedermanns Sache, und das ist jedermanns Recht. Grafisch können sie auch langfristig nicht mit ihren Kollegen aus den großen Studios mithalten. Außerdem eignen sich Browser nur für ein paar Genres aus der Palette der »richtigen« Spiele. Doom IV wird kein Browsergame werden, ebenso wenig wie Gran Turismo V – soviel ist klar. Browserspiele werden in absehbarer Zukunft schwerpunktmäßig Strategiespiele bleiben. Und ob man das mag, ist am Ende des Tages eine Frage des Geschmacks.

Was aber hinter Browserspielen steht und was ihr Potential ausmacht, ist ein Paradigmenwechsel im Web: weg von einem Dokumenten-Universum hin zu einem Anwendungs-All. Dabei wird der Browser von einem einfachen Anzeigeprogramm zu einer Universalplattform, für die man beliebige Anwendungen programmiert. Der Browser als Oberfläche der Anwendung, die selber auf einem Server läuft. Wir kennen schon ein paar sehr erfolgreiche Programme dieses Prinzips: Auktionshäuser (eBay), Email-Dienste (Google Mail) und einige Spiele wie Space Pioneers oder Hattrick mit 500.000 Spielern weltweit.

Vorteile teilen

Die Idee ist eigentlich brillant, weil sie allen Beteiligten Vorteile bringt. Der Benutzer installiert nur eine einzige Software, die zudem stabil läuft (und in der Regel sogar schon installiert ist). Auf jedem Betriebssystem, auf jedem Gerät jeder Größe, eben wegen Ihrer Universalität. Alles, was klein ist und einen Browser zum Laufen bringt, wird zum Handheld. Sogar mit meinem T610 kann ich meinen virtuellen Bürgern helfen.

Entwickler auf der anderen Seite brauchen sich über die Hardware keine Gedanken machen. Der wichtigste Teil des Spiels läuft auf dem Server – nur die Darstellung übernimmt der Browser. Damit können sich Entwickler auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren: Spiele entwickeln. Ein weiterer Vorteil für Entwickler ist die hohe Verbreitung der offenen Standards hinter dem Browser. HTML beherrscht inzwischen jeder zweite Schüler. Dadurch wird die potentielle Entwicklergemeinde um so größer. Obendrein kann man viel leichter Konzepte wie Skins, Mods oder Plugins realisieren.

Schon diese nackten Fakten beeindrucken. Wäre ich Blizzard, Lionhead oder Namco, würde ich sofort eine Entwicklungsabteilung für Browserspiele schaffen: geringe Entwicklungskosten und große Zielgruppe. Was wünscht sich ein Entwickler mehr? Und allen, die jetzt »3D-Grafik« oder »Full Motion Video« brüllen, sage ich: gut gebrüllt, Löwen! Aber abwarten! Klar, Browser werden nie den aktuellen Stand der Spieleentwicklung einholen. Doch Browser werden immer mächtiger. Schon allein deswegen, weil die eBays, Amazons und Googles viel Geld damit verdienen.

Vom Tamagotchi zum Tamagott

Auch in Zukunft werden Browserspiele keine Spiele für Egoschützen, Echtzeitschlachtenlenker oder Engkurvenfahrer sein, sondern eher Spiele für Weltenbauer, Staatengärtner und Freizeitgötter. Für Langzeitplaner. Heute eine Schule, morgen eine Stadt, übermorgen die virtuelle Welt. Vom Tamagotchi zum Tamagott des eigenen Tamavolkes, live online 24/7, massive Multiplayer, überall. Mir haben solche Spiele schon immer gefallen. Ich kann mich noch an Weltkarten aus wenigstens drei Civilization-Runden erinnern: Lage der Kontinente, Feinde und Städte, Reihenfolge der Entdeckungen – so sehr sind sie mir ans Herz gewachsen. SimCity 2000 lief bei mir während der Schule weiter, damit sich das Geld auf meinem Konto vermehrte. Nach der Schule konnte ich es dann in den Stadtausbau investieren. Wochenlang.

Einfach machen!

Ein weiteres interessantes Phänomen: die Renaissance der Idee »Eine Person – Ein Spiel«. Man kann praktisch im Alleingang ein komplettes und komplexes Spiel entwickeln, das auf allen Plattformen überall sofort spielbar ist. Sogar die Distribution ist gleich mit drin.

Um so trauriger, dass die meisten Browsergames nicht innovativ genug sind. Denn jeder da draußen kann hingehen und zeigen, dass er es besser kann als die Industrie. Innovative Spielideen funktionieren auch ohne Doppelkernprozessoren und Fotorealismus. Glaubwürdige Figuren und immersive Geschichten benötigen keine Full Motion Videos. Um hervorragende Browserspiele zu machen, reicht eine Handvoll Menschen mit guten Ideen, Geschmack und Visionen. Wäre ich noch ein wenig enthusiastischer, würde ich jetzt von einem Demokratisierungsprozess predigen. Spiele von Spielern für Spieler. Immer nur passiv zocken? Selber kreativ sein, das ist cool. Auf geht’s! Die Produktionsmittel sind euer, macht was daraus! Spiele von unten!

Aber das wäre wohl utopisch.

(Für Selbermacher zum Weiterlesen: SVG. X3D. XForms. XUL. AJAX. XML-RPC.)


Dieser Artikel erschien zuvor auf d-frag.de.


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Kommentare

Eine Antwort zu „Mit dem Browser spielen“

  1. […] ein paar Tage an einem kleinen Elfen-Städchen herum. Das absurde dabei ist: Ich hab vor 14 Jahren ziemlich genau das aufgeschrieben, was ich gerade mache. Naja, einen Teil davon. Und besonders lustig ist, dass InnoGames, die das […]

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