
Gerade eben habe ich die aktuelle GEO Epoche "Die Deutsche Romantik" gekauft. Weniger weil mich das Thema wirklich interessiert, sonder mehr weil ich gerade Lust hatte, mal wieder einen Blick in die Lebens- und Gedankenwelten vergangener Zeiten zu werfen. Mit der Romantik konnte ich eigentlich noch nie wirklich was anfangen. Habe ich doch mein Literaturwissenschaftsstudium praktisch nur jenseits der magischen 1900 Grenze geführt. Was hätte mir Novalis erzählen sollen, was Douglas Couland mir nicht schon erzählt hat?
Fürstenmacht und Freiheitskampf
Was ich aber weder in meinem Studium noch eben im Supermarkt erwartet habe, ist die Aktualität der Romantik. Vorgestern schrieb Peter Schink in seinem Blog über "das Ende des Journalismus":
Warum aber nutzen die Menschen denn die klassischen Medien und insbesondere die Zeitungen weniger als früher? Vielleicht weil es gar nicht mehr wichtig ist, zu wissen, was dort erzählt wird. Weil die spannenden Geschichten oft woanders zu finden sind. Weil persönliche Kommunikation wichtiger geworden ist als Top-Down-Kommunikation über Medien. Weil ein Rückzug ins Private stattfindet. Weil sowohl das Web fragmentierter wird wie auch die Gesellschaft als Ganzes.
In Editorial der GEO finden sich folgende Sätze.
Viele Bürger – Angehörige jener aufstrebenden gesellschaftlichen Elite […] zogen sich darauf hin zurück in das private Idyll, pflegten Hausmusik und Salonabende, es entstand die Kultur des Biedermeier.
Eins und eins zusammenzählen mache ich hier nicht, das könnt ihr selber.
Traum und Schwärmerei
Eine spannende andere Parallele zwischen dem "Ende des Journalismus" und meiner GEO findet sich ebenfalls im Editorial, ganz am Ende. Dort bittet der Chefredakteur Michael Schaper um Verständnis für den – um 50 Cent auf 9 Euro – gestiegenen Preis des Magazins.
Lieber Michael Schaper, die 50 Cent zahlen ich gerne, denn das Magazin war schon jetzt – keine Stunde nach dem Kauf – schon jeden Cent wert.
Kommentare
von konnexus
die trendforscher wollten
die trendforscher wollten diesen rückzug ins private vorausgesagt haben. sie behaupteten in den 90ern, das würde schon spätestens ende der 90er jahre kommen. sie wollten diesen rückzug "cocooning" nennen. die vorhersage war damals einer der größten flops der trendforschung, den der rückzug liess auf sich warten. jetzt wäre es also soweit.
von ben_
"Wäre" ist genau der richtige
"Wäre" ist genau der richtige Punkt. Ich bin mir da ja nicht so sicher. Ich selber würde das derzeit ja eher als normativ, denn als deskriptiv betrachten. Bei Ulrich Beck und Martin Albrow – von denen ich mich habe anstecken lassen – schwingt immer auch eine Verachtung des Staates ansich mit und damit auch eine Norm. Das läßt den deskritiven Anteil ihrer Thesen natürlich etwas … zweifelhaft erscheinen.
Grundsätzlich spricht aber vieles für die Beiden. Nie zuvor hat sich der Staat eine seine Einheit mit der Gesellschaft so in alle Lebensbereiche der Menschen hineingefressen – bis hinein ins aller Privatestes – wie im 20. Jahhundert. Die unterschiedlichen Formen totalitärer Regime sind nur die radikalsten Ausdrucksformen dieses Eroberung. Jegliches Denken, dass Gesellschaft mit Staat gleichsetzt, fußt eigentlich auf diesem geistesimperialistischen Konzept. Dass die Menschen als Reaktion auf das 20 Jh. jetzt wieder aus ihrem Leben verdrängen und Gemeinschaft jenseits "der Gesellschaft" suchen, scheint mir eine geradezu logische Reaktion zu sein.
Die Ankunft des Internets in den 90ern und sein unvorhergesagter [sic!] Erfolg, seine Druchdringung aller Lebensbereiche läßt sich – so man denn möchte – vielleicht damit erklären, dass es auf diese Gegenbewegung traf und so seine aus-differenzierende, personalisierende, klein-gemeinschafts-bildenden Kraft genau zum richtigen Zeitpunkt einsetzen konnte.
von DieRaecherin
Die Aktualität des
Die Aktualität des Biedermeier haben ein Kommilitone und ich auch vor ein paar Jahren bei einem Referat wahrgenommen. Ich selbst war damals ähnlich wie du überrascht. Es scheint mir auch, dass das Internet diesen Rückzug fördern kann, obwohl oder gerade weil es eine Verbindung nach außen ist. Es ermöglicht einem, das Leben in der eigenen Bude zu verbringen, sich aber trotzdem seine eigene Meinung von alldem draußen bilden zu können, ohne gezwungener Maßen teil vom Ganzen zu werden. Ich kann, wenn ich will, mir den ganzen Tag das Geschehen draußen anschauen, ohne auch nur einmal rausgehen zu müssen. Und über Communitys habe ich trotzdem noch Kontakt zu Freunden, aber immer nur dann, wann ich will. Wenn nicht, bleibt der Rechner eben aus...
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