
Es ist vorbei. Passend kurz vor Sommeranfang. Einen Winter und ein Frühjahr habe ich mit dem Sopranos gelebt. Jetzt ist es aus. Die neun Folgen der zweiten Hälfte der sechsten Staffeln haben nocheinmal alles in den Schatten und in Frage gestellt. Und doch war es – zum Glück für die Serie – Business as usual. Es wurde geprügelt, gemordet, gelitten, gefickt und geflucht … viel geflucht. Es gab viele Anspielungen und Anleihen an die vorherigen Staffeln, besonders natürlich an die erste. Und ich hab mich gefreut Artie Bucco nochmal zu sehen. Er war mir der Liebste in der Serie.
Die Sopranos waren für mich das intensivste Film und Serienerlebnis seit vielen vielen Jahren. Vielleicht überhaupt. Viele andere Serien – auch die großartigen der letzten Jahre – wirken schal und flach neben den Sopranos.
Wer die Serie noch nicht gelesen hat, lese hier bitte nicht weiter! Echt. Auch wer glaubt, die Sopranos niemals sehen zu wollen lesen trotzdem nicht weiter. Nicht weiterlesen! Es lohnt sich. Denn es geht um die letzte Szene der letzten Staffel. Um das Ende vom Ende.
Bevor ich zur Frage komme, ob Tony lebt oder stirbt – zuerst dies: Es ist brillant. Aus tausend möglichen Enden dieser Serie ist dies das mit Abstand beste. Es ist vielleicht das Beste Ende einer Erzählung überhaupt. Ich habe bewußt nicht "Serie" sondern "Erzählung" gesagt, denn was hier passierte, ist große Literatur. Ich bin sicher, dass David Chase von kommenden Generationen von Film- Kultur- und Literaturstudenten so intensiv behandelt wird, wie Hitchcock oder Kafka.
Tony lebt. Und der Grund dafür die Logik des Erzählens. Sechsundachtzig Folgen haben wir einem Soziopathen – wie ihn Dr. Melfi hinterher betrachtet – bei seinem soziopathischen, kriminellen, verkorksten Leben zu gesehen. Die ganze letzte Folge, bis zur Szene in diesem Diner ist so voll von dem ganz normalen Chaos, dass das Leben der Sopranos von anfang an beherrscht hat. Alles schreit danach, dass es so weiter geht. Der übliche Sopranos-Wahnsinn. Und dann nach sechs Staffeln, sitzt Tony in einem ganz normalen Diner mit seiner Familie, ißt Zwiebelringe und alles worauf wir achten, sind Typen, die ihn möglicherweise um die Ecke bringen wollen könnte. Wir sind so paranoid geworden wie Tony. Es ist vollbracht. Es gibt nichts mehr zu tun für den Erzähler. Wir sind zu Tony geworden. In diesem Moment verläßt uns der Erzähler. Er läßt uns zurück – dieses obszöne Leben vor uns.

Kommentare
von fym
Finde ich immer wieder
Finde ich immer wieder erstaunlich. Beim Anschauen damals hat sich mir diese Frage nicht mal ansatzweise gestellt. Um eine Antwort darauf ging es mir nie. Was mir - wenn ich so darüber nachdenke - wohl zugleich ein bisschen die letzten Szenen versaut hat. Der Nervenkitzel konnte sich so einfach nicht einstellen.
von ben_
Darf ich dem entnehmen, dass
Darf ich dem entnehmen, dass Du auch zur "Tony lebt" Fraktion gehörst?
Also spätestens mit dem Zitat des Paten, als der Typ auf's Klo ging, schrillten bei mir alle Alarmglocken.
von fym
Wenn, dann gehöre ich zur
Wenn, dann gehöre ich zur "sich allein die Frage schon zu stellen, ist sinnfrei und los"-Fraktion. Im Prinzip passt deine Beschreibung nämlich genau auf diese Ansicht. Der Erzähler verlässt uns, weil diese "letzte" - für uns als Zuhörer so vermeintlich wichtige - Frage genauso viel oder wenig Sinn besitzt, wie all das Vorhergehende. Momentaufnahmen sind Momentaufnahmen sind...
Und weil ich von Chase schon vor dem Finale nichts anderes erwartet habe, weil ich diese Serie sechs Staffeln lang geschaut habe, konnte ich den (sicherlich beabsichtigten) Nervenkitzel am Ende nicht er-leben. Komischerweise fühle ich mich dadurch nicht so, als würde mir deshalb nun etwas Entscheidendes am Finale fehlen.
btw So ben_, mit den Sopranos bist du nun durch. Dann kannst du jetzt ja "The Wire" in Angriff nehmen. Und dann (mindestens) die ersten zwei Staffeln "The West Wing". Wird sich lohnen, versprochen.
von joha_
Die Antwort: Don't stop
Die Antwort: Don't stop believin'
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